Die fünf Wassertropfen

Es war einmal ein Ozean. Er war gewaltig groß, hatte eine unvorstellbare Kraft und war von überwältigender Schönheit. Doch er wusste von alldem nichts. Er wusste nicht einmal, dass er überhaupt existierte. Da kam ihm die Sonne zu Hilfe. Sie erwärmte mit ihren Strahlen die Oberfläche des Ozeans, so dass das Wasser zu verdampfen begann. Der Wasserdampf stieg hoch empor in den Himmel. Dort kühlte er ab und bildete Wolken, in denen der Wasserdampf wieder zu Wassertropfen wurde. Als Wassertropfen hoch oben am Himmel konnte sich der Ozean nun endlich selbst in seiner Größe und Schönheit sehen. Doch da war noch ein kleines Problem, er wusste immer noch nicht, dass er der Ozean war.

Unzählige Wassertropfen fielen vom Himmel, und jeder einzelne dachte viel über sich und die Welt nach. Sie spürten diesen Wissensdurst und gaben alle ihr Bestes. Fünf besonders kluge Wassertropfen flogen nebeneinander und begannen über den Sinn des Lebens und über den Tod zu diskutieren. Der erste Wassertropfen meinte: „Ich sehe das Ganze sehr nüchtern. Machen wir uns doch nichts vor, wir wurden zufällig in diese Welt geboren, fallen nach unten und irgendwann ist dieser Flug zu Ende. Dann zerschellen wir und das war es dann. Was sollte danach sein? Es ist noch nie ein Wassertropfen zurückgekommen.“ „Du siehst das viel zu negativ,“ sagte der zweite Wassertropfen und fuhr fort: „Dass wir in dieser Welt sind, hat schon einen Sinn, auch wenn wir ihn nicht kennen. Kein Ding dieser Welt entsteht aus einem Nichts und ist nur zufällig hier. Wenn unser Körper den Boden erreicht hat, werden wir in einer anderen Form wieder geboren. Wir kommen immer und immer wieder, bis wir den Sinn des Lebens gefunden und erfüllt haben. Dann gehen wir ins Paradies ein.“ Da war der dritte Wassertropfen anderer Meinung und erwiderte: „Nein, nein mein Lieber, so einfach ist es nicht. Wir müssen uns schon Mühe geben und gute Wassertropfen sein, sonst werden wir keinen Einlass in das Paradies finden. Die bösen Wassertropfen landen in der Hölle.“ Der vierte Wassertropfen meldete sich auch zu Wort und meinte: „Wir kommen sieben Mal wieder, dann kehren wir in die ewigen Jagdgründe ein.“

Nur der fünfte Wassertropfen schwieg. Er dachte nicht so viel nach, seine Aufmerksamkeit war nach unten auf den Ozean gerichtet und er war absolut ruhig. Plötzlich geschah es.
Der Wassertropfen erkannte sich als Ozean.
Dieses Erlebnis war so gewaltig, dass er aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam. Endlich erkannte der Ozean, wie groß und schön er ist und welche unbeschreibliche Kraft in ihm schlummert. Die vier anderen Wassertropfen haben dieses Ereignis aber nicht bemerkt und begannen, ihn zu verspotten, weil er keine so tollen Theorien hatte und nur voller Begeisterung, wie ein Verrückter nach unten sah. Der Spott traf ihn aber nicht, denn der fünfte Wassertropfen mit dem Bewusstsein des Ozeans, spürte seine Existenz natürlich auch in allen anderen Wassertropfen. Voller Liebe und Mitgefühl antwortete er: „Keiner von euch hat gelogen und dennoch hat keiner von euch die Wahrheit erkannt.“

Da spürten auch sie im Innersten ihres Wesens eine Verbindung zum fünften Wassertropfen und sagten: „Entschuldige bitte, wir haben dich nicht gleich als unseren Meister erkannt, aber jetzt spüren wir es.“ Da lachte der fünfte Wassertropfen und entgegnete: „Was ihr in mir erkannt habt, ist nicht der Meister, das seid ihr selbst. Ihr habt euch selbst erkannt, lasst eure Gedanken fallen und seht nach unten, dann werdet ihr verstehen, was ich meine.“ So wurde auch den anderen vier Wassertropfen die Wahrheit bewusst.

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Wolfgang Wieser